Lokalwährung statt Gutschein-Dschungel

Warum Kantone auf Lokalwährungen setzen sollten

Das Prinzip von Gutscheinen, vor allem für den Tourismus klingt verlockend: Die lokale Wirtschaft stärken und Mehrwerte in der Region halten. Doch die Realität vor Ort – wie jüngst bei Akquiseversuchen im Aargau spürbar – zeigt enorme Schwächen. Hier mein Leitblatt, welches ich den Betrieben zeigte.

Während der Schweizer Marktführer e-guma (Idea Creation GmbH) die technische Infrastruktur für viele Einzellösungen stellt, scheitert die praktische Umsetzung oft an Zersplitterung und Vorurteilen im Handel. 

Als Reisejournalist beschäftige ich mich viel mit Gutscheinen, ich habe dafür sogar ein Portal geschaffen.

Hintergrund: Gutschein-Flickwerk vs. Lokalwährung

Die e-guma-Realität: Obwohl der Kanton Aargau die Systemkosten für e-guma übernimmt und den Betrieben 100 % des Betrags erstattet, bleibt die Akzeptanz gering. 

Händler fürchten bürokratischen Aufwand oder versteckte Kostenfallen. Parallel existieren z.B. im Aargau parallele Systeme (Erlebnisgutscheine, Gastronomie wie «Aargau isch fein» oder öV-Lösungen des AWA.

Werden Einlösestellen nur per PDF ausgegeben, führt das schnell zu Frust – wie in Zofingen, wo gelistete Betriebe wie Intersport Sportivo gar nicht mehr existierten und das Angebot dürftig ist. 

Der Ansatz der Lokalwährung

Eine moderne Lokalwährung setzt auf einheitliche, dynamische Netzwerke statt starrer Kategorien. Akzeptanzstellen werden in Echtzeit gepflegt. Zudem bieten Lokalwährungen direkte Anreize für Konsumenten (z. B. Cashbacks oder Vergünstigungen), wodurch das Geld aktiv in der Region zirkuliert, anstatt als uninteressanter Gutschein in einer Schublade zu landen.

Die Chance für batzen.net und die Glarner Kantonalbank

Statt veralteter Gutscheinstrukturen braucht die regionale Wirtschaft digitale, einfache und attraktive Zahlungsmittel. Genau hier liegt das Potenzial für batzen.net.

Der Batzen ist im Kern ein Gutscheinsystem, kann aber als moderne Lokalwährung innovativ neu gedacht werden. Mit einem starken Partner wie der Glarner Kantonalbank (GLKB), die bereits mehrfach ihren Mut für digitale FinTech-Projekte bewiesen hat, lässt sich eine echte Erfolgsstory schreiben. So entsteht ein System, von dem Händler durch Nullaufwand und Konsumenten durch echte Mehrwerte profitieren.

Die Chiemgauer Erfolgsgeschichte

Chiemgauer – Überblick

  • Region: Chiemgau, Bayern (Rosenheim, Traunstein, Prien)
  • Start: 2003 als Schülerprojekt an der Waldorfschule Prien
  • Form: Papier- und elektronische Währung
  • Wechselkurs: 1 Chiemgauer = 1 Euro
  • Umlaufsicherung: 6 % pro Jahr (Wertminderung, um Umlauf zu fördern)
  • Akzeptanzstellen: rund 440 Betriebe und Vereine
  • Umsatz: ca. 6 Mio EUR pro Jahr
  • Rücktausch: möglich, 5 % Gebühr
  • Gemeinnutz: 3 % des Wechselbetrags gehen an regionale Vereine

Erfahrungen

  • Positiv:
    • Bindet Kaufkraft in der Region und fördert kleine Betriebe
    • Spürbarer Zusatznutzen für Vereine durch Rücktauschspenden
    • Hohe regionale Identifikation, mediale Aufmerksamkeit
  • Herausforderungen:
    • Hoher organisatorischer Aufwand (Coupons, Abrechnung, Umlaufsicherung)
    • Für Verbraucher oft zusätzlicher Umtauschschritt → geringere Spontanverwendung
    • Digitalisierung nötig, um attraktiv zu bleiben (seit 2011 gibt’s E-Chiemgauer)

Links


Ja, gerne

Schauen wir uns an, warum der Chiemgauer überlebt hat, während viele andere Lokalwährungen wieder verschwunden sind – und was man daraus lernen kann.


1. Erfolgsfaktoren des Chiemgauer

FaktorBeschreibungWirkung
Klares Ziel„Region stärken + Vereine unterstützen“ – einfach zu verstehen.Hohe Identifikation, leichte Kommunikation.
Schülerprojekt mit MedienaufmerksamkeitStart an Waldorfschule Prien, viele Medienberichte zum „Geld der Schüler“.Bekanntheit von Beginn an.
Dichtes HändlernetzÜber 400 Akzeptanzstellen im überschaubaren Gebiet.Hohe Nutzbarkeit im Alltag.
Spendenmechanismus3 % Umtauschbetrag fließen an Vereine nach Wahl des Kunden.Vereine werben aktiv neue Nutzer.
Umlaufsicherung6 % p.a. Wertverlust bei Nichtnutzung – animiert zum schnellen Ausgeben.Ständige Zirkulation des Geldes.
Digitale VarianteSeit 2011 als E-Chiemgauer verfügbar.Weniger Hürde im Alltag, modernisiert das Konzept.

2. Warum viele andere Lokalwährungen scheitern

ProblemAuswirkung
Zu kleines HändlernetzNutzer finden zu wenig Gelegenheiten, das Geld auszugeben.
Zu komplexes KonzeptUmlaufsicherung, Tauschgebühren oder komplizierte Regeln schrecken ab.
Fehlende kontinuierliche ÖffentlichkeitsarbeitInteresse erlischt nach der Startphase.
Keine Anreize für HändlerOhne Vorteil gegenüber Euro-Kundschaft akzeptieren Händler ungern Zusatzaufwand.
Keine digitale UmsetzungPapiergeld wirkt altmodisch, gerade bei jungen Zielgruppen.

3. Was man für ein eigenes Konzept übernehmen könnte

  1. Klare Botschaft – wenige, starke Argumente: „Geld bleibt in der Region“ und „Vereine profitieren“.
  2. Partnerschaften – von Beginn an Vereine, Schulen, Händler und Medien einbinden.
  3. Einfachheit – Wechselkurs 1:1 zum Euro, keine komplizierten Rechenwege.
  4. Belohnungssystem – z. B. Rabatt, Treuepunkte oder Spendenanteil.
  5. Digitaler Start – gleich mit App oder Weblösung beginnen, Papier nur optional.
  6. Regionale Events – z. B. Märkte, bei denen nur die Lokalwährung gilt, um Sichtbarkeit zu schaffen.
  7. Netzwerk-Effekt – Händler werben Kunden, Kunden werben Händler, Vereine werben beide.

Das Beispiel vom Chiemgauer ist aufbauend, der Glarner Batzen etwas radikaler, ich habe mir die 10% überlegt, dass es spürbar ist. Häufig sind Lokalwährung nur Gutscheine, die wenig zu einem Geldkreislauf beitragen.